VON MIDORI – APRIL 2020

Liebe Freunde,

in dieser Zeit großer Ungewissheit und anhaltend beunruhigender Nachrichten schreibe ich euch aus New York, wo ich seit fast einem Monat vor Ort Zuflucht gefunden habe.

Wir werden täglich mit unüberwindlichen Nachrichten konfrontiert, die unsere Psyche und unser Vertrauen in die Welt und in uns selbst angreift. Unsere Gedanken sind bei dem medizinischen Personal, das zusammen mit den schwer Betroffenen die Krieger dieser Pandemie sind. Sie sollen wissen, dass uns ihr Wohlergehen am Herzen liegt und wir uns um ihr Wohlergehen sorgen, so wie wir uns um die vielen kümmern, die ihren Arbeitsplatz und ihre Lebensgrundlage verloren haben. Unser Mitgefühl gilt den Familien und Freunden derer, die durch dieses Virus ihr Leben verloren haben.

Es ist in der Tat ein sehr seltsames Gefühl, in der Falle zu sitzen und einem unsichtbaren Feind gegenüberzustehen. Da ich mich für gute grundlegende Gewohnheiten wie an Ort und Stelle bleiben, gründliches Händewaschen und soziale Distanzierung einsetze, frage ich mich auch, wie ich weiterhin zurechnungsfähig sein kann, da sich mein Lebensstil so drastisch und so plötzlich verändert hat, ohne dass mir viel Zeit bleibt, mich psychisch oder physisch darauf vorzubereiten.

Nichtsdestotrotz übe und musiziere ich weiterhin zu Hause. Für jenen Tag an dem wir sicherlich in eine Phase der Genesung eintreten. Und zu diesem Zeitpunkt – sei es für ein Kind, einen älteren Menschen oder einen Hinterbliebenen, für jemanden, der sich vernachlässigt, einsam oder verzweifelt fühlt, oder für jemanden, der sich von dem Virus erholt hat – möchte ich bereit sein, wenn sie es auch sind, für sie Musik zu spielen, die in den Seelen der Mitmenschen geschmiedet wurde, Musik, die die Prüfungen vergangener historischer Grausamkeiten überstanden hat.

Midori

VON MIDORI – JANUAR 2019

Liebe Freunde,

2018 war ein Jahr der Veränderung. Im Frühsommer zog ich zurück an die Ostküste, um Teil des Lehrkörpers am Curtis Institute in Philadelphia zu werden. Nach fast 15 Jahren in Kalifornien stellte sich dies doch als eine größere Umstellung heraus, als ich erwartet hatte. Das Wetter ist ziemlich gewöhnungsbedürftig und auch das Wohnen ohne Auto im Center City District von Philadelphia bringt Herausforderungen mit sich und verlangt nach einer ganz anderen Energie als das Leben in Los Angeles. Ich gewöhne mich erst noch an die neue Umgebung und den neuen Rhythmus, genieße es aber nichtsdestotrotz eine neue Stadt kennen zu lernen.

Über das letzte Jahr genoss ich es, zu mir bekannten Städten, Konzertsälen und Orchestern zurück zu kehren, um mit langjährigen Kollegen zusammen zu arbeiten und auch mit neuen. Mit mehr als 35 Jahren Tour-Erfahrung fühle ich mich nun fast überall wohl, entdecke Neues und lasse alte Erinnerungen und Beziehungen aufleben. 2018 spielte ich auch in mehreren für mich neuen Ländern: Paraguay, Estland, Ukraine und Ecuador.

Besonders wichtig war mir eine Reise gemeinsam mit meinen Studenten von der University of Southern California nach Sri Lanka während ihres Spring Breaks. In und um Colombo lernten, unterrichteten und musizierten wir und engagierten uns mit gemeinnützigen Tätigkeiten. Diese Reise war unser zweites gemeinsames Projekt außerhalb von Los Angeles, nachdem wir 2017 schon Ensenada (Mexiko) und seine Umgebung besucht hatten.

Im neuen Jahr freue ich mich besonders auf ein neues Projekt mit dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet, in dem wir „fast“ das gesamte französische Repertoire für Violine und Klavier aufführen. Neue Projekte bringen immer Überraschungen mit sich und mit diesen Überraschungen Freude.

Ich wünsche euch allen ein neues Jahr voller musikalischer Inspiration.

Midori